20.09.2016 „Bauer to the people“ oder Warum in der Ferne kaufen, wenn das Gute liegt so nah?

By Stefanie Wenta / On / In Uncategorized

Wann waren Sie zuletzt auf dem Wochenmarkt oder sogar in einem Hofladen, um Lebensmittel zu kaufen? Gibt es solche regionalen Einkaufsmöglichkeiten überhaupt in Ihrer Gegend? Und Gegenfrage: Wann haben Sie sich zuletzt über mangelnde Transparenz und Qualität in Bezug auf Lebensmittel beim Einkauf im Supermarkt geärgert?

Nach Jahren, in denen Lebensmittel vor allem billig sein mussten, sommers wie winters sämtliche Obst- und Gemüsesorten vorrätig und Exotisches täglich vom anderen Ende der Welt angeliefert werden musste, ändern nun viele Menschen ihr Konsumverhalten. Sie sehen, welchen Preis diese Billig- und Massenproduktion eigentlich hat: Wir wissen nicht mehr, woher unsere Nahrung stammt, wir wissen nicht, unter welchen Umständen sie produziert wurde und welche Substanzen sie außer den eigentlichen Grundzutaten noch enthält. Fast täglich erreichen uns Berichte und Bilder, die uns den Geschmack verderben an dem, was auf unseren Tellern landet. Infolgedessen steigt die Nachfrage nach biologischen, vegetarischen, veganen oder sogar gluten- und laktosefreien Nahrungsmitteln. Das erkennt natürlich auch die Industrie und stellt sogleich das Angebot entsprechend der Nachfrage um.

Und was passiert? Aus Nischenmärkten wird innerhalb kürzester Zeit wiederum ein Massenmarkt – mit derselben Unübersichtlichkeit und denselben Produktionsmustern wie bei konventionellen Lebensmitteln. Sind wir in einem Kreislauf gefangen, der uns keine Entscheidungsfreiheit lässt bei der Wahl unserer Lebensmittel?

Ich glaube nicht.

Lebensmittelkonsum: Das Umdenken hat begonnen

Den nächsten Schritt haben einige findige Leute bereits getan, indem sie sich rückbesinnen auf das, was zählt. Sie haben Food Assembly gegründet – ein soziales Unternehmen, das man gut als modernen Ableger des Wochen- oder Bauernmarkts bezeichnen kann.

https://www.youtube.com/watch?v=dJ3sPKHaeOU

Menschen, die Wert auf die Herkunft und Qualität ihrer Lebensmittel legen, kommen wöchentlich in einer Assembly (Versammlung) mit lokalen Erzeugern zusammen. Zuvor haben sie im Internet die Möglichkeit, sich die in der Assembly vertretenen Produzenten mit ihrem jeweiligen Angebot anzusehen und können exakt die Lebensmittel bestellen, die sie benötigen. Den lokalen Erzeugern – oft kleine Betriebe – bietet das Konzept eine gute Planbarkeit, neue Vertriebswege und die Einsparung von Kosten, die zum Beispiel für die Standgebühr auf einem Wochenmarkt anfallen würden. Kunden erhalten den direkten Kontakt zu den Erzeugern, da diese die bestellten Waren mit in die wöchentliche Assembly bringen, wo sie dann abgeholt werden können. Für Kunden und Erzeuger bedeutet die wöchentliche Zusammenkunft eine Möglichkeit zum geselligen Bei- und Miteinander.

Regionale Wirtschaft, Nachhaltigkeit, Lebensmittelqualität und gesellschaftlicher Austausch werden so gefördert.

Produzenten von Nahrungsmitteln müssen nicht unbedingt bio-zertifiziert sein, gewisse Standards setzt Food Assembly jedoch voraus. Die Auswahl der jeweiligen Erzeuger und deren Angeboten obliegt dem Gastgeber einer Assembly. Dieser ist einerseits für die Organisation und Durchführung der wöchentlichen Zusammenkünfte, andererseits für die Betreuung der Erzeuger und Kunden (von Food Assembly im Sinne des Gemeinschaftsanspruchs Mitglieder genannt) zuständig. Um der Regionalität gerecht zu werden, dürfen Produzenten nur Produkte aus einer Entfernung bis 150 Kilometer vom Ort der Assembly anbieten. Es dürfen ausschließlich selbst angebaute oder verarbeitete Produkte angeboten werden – im Gegensatz zu Waren auf einem Wochenmarkt, die häufig nur noch von Händlern, nicht von den Erzeugern selbst, vertrieben werden.

Wie bei allen anderen Vertriebswegen auch, ist der Produzent zur Einhaltung gesetzlicher Bestimmung in Bezug auf Nahrungsmittelsicherheit, Kennzeichnung und Hygiene verpflichtet.

Food Assembly selbst hostet die hinter den Assemblies stehende Internetseite, auf der die Produzenten sich und ihre Angebote präsentieren und die Kunden online bestellen können. Außerdem prüft das Unternehmen die Wirtschaftlichkeit von Standorten neuer Assemblies, hilft bei der Recherche von geeigneten Produzenten oder schult künftige und bereits aktive Gastgeber.

Der Erzeuger zahlt eine Servicegebühr von 16,7 % vom Umsatz vor Steuern, Mitgliedsbeiträge oder sonstige Gebühren werden nicht erhoben.

Erfolgsgeschichte aus Frankreich

Das Konzept scheint aufzugehen:

Gegründet in Frankreich im Jahr 2011 unter den Namen „La Ruche Qui Dit Oui!“, ist das Unternehmen mittlerweile auch in weiteren europäischen Ländern vertreten. In Frankreich existieren inzwischen über 700 autonome Assemblies, in Städten ebenso wie im ländlichen Raum. In Berlin eröffnete im Sommer 2014 die erste Assembly Deutschlands. Aktuell gibt es 21 aktive Assemblies in fünf Bundesländern und 51 weitere, die sich im Aufbau befinden. Mehr als 20.000 registrierte Mitglieder stehen über 200 verschiedenen Erzeugern gegenüber.

Adaption an Bedürfnisse der Landbevölkerung

Die geografische Entfernung zu einem Erzeuger ist auf dem Land sicher kleiner als in großen Städten wie Berlin, wo auch der Großteil der deutschen Assemblies zu finden ist. Gerade dort, wo ich lebe, sind Menschen es noch gewohnt, ihre Eier, ihr Mehl oder das Fleisch für den Sonntagsbraten beim Hofladen oder Bauern nebenan zu kaufen. Selbst große Supermarkt-Ketten wie Rewe bieten Produkte von regionalen Betrieben an (leider ist hierbei der Begriff „regional“ oft sehr weit gefasst). Auf dem Wochenmarkt oder saisonalen Märkten gibt es neben Händlern immer noch den direkten Kontakt zu kleinen, lokalen Gärtnereien oder anderen, Lebensmittel produzierenden landwirtschaftlichen Betrieben. Kindergärten oder Schulen unternehmen regelmäßige Besuche zu Bauernhöfen und Gottesdienste oder Erntedankfeste finden in den Scheunen der örtlichen Landwirte statt.

In unserer Gegend sehe ich den Reiz des Food Assembly-Konzepts eher darin, die vielen verschiedenen Angebote an einer zentralen Stelle zu bündeln. Auch bei uns gibt es eine Menge kleiner Betriebe, für die sich ein Stand auf dem Wochenmarkt nicht lohnt und deren qualitativ hochwertige Produkte durchweg auf große Nachfrage stoßen. Es gibt wohl niemanden, der bei fünf verschiedenen Höfen vorbeifahren kann, um einen Korb voll Obst oder Gemüse zusammen zu bekommen! Außerdem hat das Prinzip der Zusammenkunft und des sozialen Austauschs einen hohen Reiz.

Ich persönlich sehe im Konzept der Food Assemblies viel Potenzial für die weitere Distribution – gerade auch in ländlichen Gebieten. Sicher müsste das Konzept jeweilige individuelle Gegebenheiten einzelner Gebiete berücksichtigen, um nicht nur in Großstädten, sondern auch in Dörfern und Gemeinden erfolgreich zu sein. Blickt man auf Frankreich, ist offensichtlich, dass das Geschäftsmodell funktioniert. Die Erfolgsgeschichte setzt sich bereits in Deutschland fort. Das zeigen die Zahlen der sich im Aufbau befindlichen Assemblies genauso wie diverse Berichterstattungen durch TV- und Radiosender (MDR, WDR), Print- und Onlinemedien (taz, Neue Westfälische, gruenderszene.de; ichtragenatur.de, tastethewaste.com, berlin-ick-liebe-dir.de). Vor allem der süddeutsche Raum mit seiner Vielfalt an landwirtschaftlichen, häufig ökologischen Erzeugnissen und Produzenten würde sich bestimmt in vielen Gegenden für die Einrichtung einer Assembly eignen!

Wen’s interessiert: Reinlesen auf foodassembly.de, oder auf Facebook: https://www.facebook.com/TheFoodAssembly.de/?fref=ts. Den Hashtag #bauertothepeople nutzt Food Assembly in den sozialen Medien.  

Übrigens gibt es neben der Food Assembly mittlerweile einige Initiativen und junge Unternehmen, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie wir künftig essen und unsere Nahrungsmittel produzieren oder verkaufen wollen. Bio-Kisten und andere Heim-Lieferservices zählen genauso dazu wie Erzeugergenossenschaften oder Food-Trucks mit veganem oder vegetarischem Angebot.

Quellen:

www.foodassembly.de

www.taz.de/!5276898 Food Assembly: Vom Hof in die Nachbarstadt, 22.2.2016

www.tastethewaste.com The Food Assembly startet in Deutschland, 28.5.2014

www.berlin-ick-liebe-dir.de Food Assembly – Ein Interview

www.gruenderszene.de Die Besseresser kommen, 12.8.2016

www.ichtragenatur.de Food Assembly – neue Marktidee erobert Deutschland, 15.8.2016

MDR: „Tischlein, deck dich!“ – Reportage vom 1.9.2016

WDR5: „Gemüse bestellen im Internet“ Bericht in der Sendung Leonardo vom 18.8.2016

sowie Facebook-Account von Food Assembly (siehe oben)

Copyright Image: von Elina Mark (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons